Kultur
04.05.2017 10:33
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 Zwischen Wahrheit und Illusion: Die Desperate Thespians – Elena Krovvidi als Honey, Alexander Severens als Nick, Larissa Denker als Martha und Christopher Weingart als George (v. l.) – lieferten ein spannungsreiches Schauspiel. Foto: ach

Zwischen Wahrheit und Illusion: Die Desperate Thespians – Elena Krovvidi als Honey, Alexander Severens als Nick, Larissa Denker als Martha und Christopher Weingart als George (v. l.) – lieferten ein spannungsreiches Schauspiel. Foto: ach

„Who‘s Afraid of Virginia Woolf“ im Vortex

Stark: Desperate Thespians

ach - Ein Raum, eine Nacht, zwei Ehepaare und jede Menge Alkohol. Nach einer Fakultätsfeier kehren Martha (Larissa Denker), die Tochter des Dekans der Universität, und ihr Ehemann George (Christopher Weingart), ein Geschichtsprofessor, angeheitert nach Hause zurück. Wenig später gesellen sich der Biologieprofessor Nick (Alexander Severens) und seine Frau Honey (Elena Krovvidi) auf Einladung der Hausherrin – und zum Missfallen ihres ahnungslosen Gatten – zu ihnen. Ein jeder von ihnen hat seine Geheimnisse, die hinter einer sorgsam aufgebauten Fassade der Perfektion schlummern. Doch von Drink zu Drink wird diese Fassade brüchiger, werden die Spiele, um diese zum Einsturz zu bringen, perfider. Es entwickelt sich ein dynamischer Wettstreit zwischen Hass und Liebe, Schein und Sein, Wahrheit und Illusion.

Das Stück führt ins Amerika der 60er-Jahre

„Who’s Afraid of Virginia Woolf“, lautet der Titel des mehrfach preisgekrönten Theaterstücks von Edward Albee, mit dem das aktuelle vierköpfige Ensemble der Desperate Thespians, der englischsprachigen Theatergruppe der Universität Siegen unter der Leitung von Nadine Suchards und Maria Severin, am Dienstagabend im Vortex Premiere hatte. Das Stück spielt im Amerika der 60er-Jahre, genauer im urig eingerichteten Wohnzimmer von Martha und George. Ihre Beziehung gleicht einem leidenschaftlichen Wechselspiel zwischen befreiter Lust und abgrundtiefer Abneigung; zynisch und sarkastisch versuchen sie, die Mängel des jeweils anderen vorzuführen und sich so gegenseitig bloßzustellen. Während George sich in immer abgründigeren Gedankenspielen verfängt, setzt Martha all ihre sexuelle Energie darauf, den sehr korrekten und höflichen Nick für sich zu gewinnen, und so wird auch er bald Teil des spannungsgeladenen Wettstreits. Das Wetteifern steigert sich, bis die Spannung bald unerträglich wird. Für aufheiternde Zwischenspiele sorgt vor allem Nicks gutgläubige und recht naive Frau Honey. Allein durch ihr überaus klischeehaft weibliches Auftreten hat sie die Lacher des Publikums auf ihrer Seite, und diese häufen sich, je betrunkener sie wird. Aber auch in ihr schlummert ein Geheimnis, das ebenso wie all die anderen Intrigen und Geheimnisse erst im furiosen Finale des Stücks gelüftet wird.

Jede Menge Alkohol im Spiel

Und wie das so ist, wenn viel Alkohol im Spiel war: Am Ende wartet das nüchterne Erwachen und für das Publikum die überraschende Erkenntnis, dass hinter all dem Wahnsinn höchst menschliche Ängste und unerfüllte Träume steckten. Den Schauspielern der Desperate Thespians ist es auf herausragende Weise gelungen, die komplexen Charaktereigenschaften und -wandlungen ihrer Figuren lebendig werden zu lassen. Ein kurzweiliges Stück war es dabei nicht unbedingt: Fast vier Stunden dauerte die Aufführung an, zwei Pausen inbegriffen. Aber die Veranstalter hatten vorgesorgt: Da Alkohol eine äußerst zentrale Rolle in dem Stück spielte und die Desperate Thespians ihr Publikum nicht auf dem Trockenen sitzen lassen wollten, gab es nicht nur Drinks im Schauspiel, sondern auch für die Zuschauer: Für jeden Bühnen-Charakter war ein passender und gleichnamiger Drink kreiert worden. Diese konnte sich das Publikum dann in den Pausen genehmigen – ein passender Rahmen für ein gelungenes Bühnenschauspiel.

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