Kultur
11.09.2017 11:00
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 Trotz allem „hoffnungslos optimistisch“: Christoph Sieber am Samstagabend in der Jahrhunderthalle in Kreuztal. Foto: zel

Trotz allem „hoffnungslos optimistisch“: Christoph Sieber am Samstagabend in der Jahrhunderthalle in Kreuztal. Foto: zel

„Hyperion“ und Häberle

Sozialkritik macht die Halle voll

zel - Mann, Sieber! Gutes, schönes, wahres Kabarett ist das! Wird es folgenlos bleiben? Konsequenzen haben? Gehen wir raus und machen Revolution – oder einfach nur mal was anders? Wahrscheinlich nicht. Dennoch hat das Publikum an dem Kauf einer Eintrittskarte für den Auftritt von Christoph Sieber in Kreuztal gleich doppelt gutgetan: Es wird famos unterhalten, und Geld sowie Gedanken bleiben im System: „Sozialkritik, die zahlt sich aus, dadurch hab’ ich volles Haus“, singt der Mann zur Gitarre. Die Stadt- bzw. Jahrhunderthalle ist in der Tat rappelvoll, der Künstler einer, der seine Arbeit selbstkritisch reflektiert – und sein Programm „Hoffnungslos optimistisch“ eines der besten, die man seit Langem sah. Damit Siebers Analysen nicht nur in der Kabarettblase verbleiben, hat man ihm und Tobias Mann beim ZDF die Sendung „Mann, Sieber!“ gegeben – aber live ist so viel besser!

Deutschland/Europa ist nicht (mehr) so gesellig

Am Politik-Personal in Berlin, Washington, Moskau, Pjöngjang oder Budapest arbeitet sich der Kleinkunstpreisträger nicht ab. Sieber macht vielmehr Gesellschaftskabarett, denn es ist nicht (mehr) so supergesellig in Deutschland/Europa. Dem einen stößt der Schampus bitter auf, die anderen haben keine Krankenversicherung mehr. Das Oben und Unten ist auch Prinzip in Siebers Programm: Er reitet die Welle der Heiterkeit, bis sie bricht, und zieht sogleich alle schön mit runter in die Tiefe, wo es nichts mehr zu lachen gibt, mit Sätzen wie „Das ist symptomatisch: dass wir die, denen wir unsere Kinder anvertrauen, schlechter bezahlen als die, denen wir unser Geld anvertrauen“ oder „Was ist übrig vom mündigen Bürger? Der Konsument“. Von Hölderlins „Hyperion“ („So kam ich unter die Deutschen …“, Nachlesen wird empfohlen!) zur Bäckerei Häberle ist’s nur ein Katzensprung in der Logik und Dramaturgie Siebers. Der kann ebenso gut deklamieren wie sich zum Narren machen.

Bäckerei Häberle in Laiblingen „too big to fail“

Das macht er zum Beispiel in Figur des CEO der obengenannten Bäckerei, der auf dem Jahresempfang zur Belegschaft spricht. Die Bäckerei, die die Kredibilität beim Customer verloren hat, aber für Laiblingen doch „too big to fail“ ist und daher gerelauncht werden muss. Was für ein Bullshit, was für ein alltägliches Marketing-Gewäsch: Kennt nicht jeder in der Kabarettgemeinde einen, der so redet? Oder er spielt – mit goldener Brille und rosa Jackett – den Klaus-Dieter, der „unverschuldet zu Reichtum gekommen“ ist (weil ererbt) und beim Charity-Dinner gegen sich geht, weil ihm doch Champagner Sodbrennen macht, aber wenn’s hilft … Er hat längst seinen Abflug auf die Cayman Islands gebucht, wenn uns dereinst hier alles um die Ohren fliegt. Vom Schlagersänger, der mit „Verdrängen, vergessen, verleugnen“ beim ESC antreten will, wollen wir lieber schweigen.

Latein hilft weiter: „Sed ubi est Cornelia?“

Wenn er aus der Rolle dieser überzeichneten, bisweilen albernen Typen schlüpft, spricht Sieber sehr lustig über wundersame Sachen wie 72-Stunden-Deos und Funktionshosen (seine Jeans ist auch eine, sie hat die Funktion, seine unansehnlichen Beine, behaarte Mozzarella-Sticks, zu verdecken), über den praktischen Nutzen von Latein („Sed ubi est Cornelia?“, spricht manch einer im Publikum schon mit), über Eltern, die mit 72 sowohl Hanf im Keller anbauen als auch mit den Stöcken über die Alpen bis Tunesien gehen. Er lässt zwei Handys miteinander Sex haben und schickt die smarte Haustür zum Milchholen. Stichwort „Algorithmus“ – wer schon mal bei Amazon bestellt hat, kennt das: „Kunden, die dieses Buch kauften, kauften auch …“. Das hat Christoph Sieber mit seinem schlauen Hirn schön weitergedacht: „Männer, die mit Sabine schliefen, schliefen auch mit Claudia, …“. So sieht’s doch aus hier in unserer Matrix!

Also doch gut: Erlös aus DVD-Verkauf für die Flüchtlingshilfe

Richtig Wichtiges hat Sieber in Sätzen und Nebensätzen aufgeschrieben und liest es – Blickkontakt haltend und kommentierend – vor: das „Märchen von der Bildungsrepublik Deutschland“ oder aus der Bibel von Goldman Sachs. Wenn es um Bildungschancen geht, die vom Geldbeutel der Eltern abhängen, und gemachte, erwünschte Armut, wird der 47-jährige Kölner Schwabe ernst und eifrig. Man wünschte sich seine Texte als Reclam-Heftchen zum Mitnehmen und Nachlesen. Das gilt auch für den Schlusstext „Ich will mich nicht gewöhnen“ (an keine Empathie etwa und an keinen Respekt), den es vielleicht auf der DVD nachzuhören gibt, die Sieber im Anschluss an den Auftritt im Foyer verkauft. Dem Applaus nach spricht er vielen aus der Seele. Den Erlös aus dem Verkauf spendet er für eine Hilfsorganisation, damit weniger Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken müssen. Hoffnungslos optimistisch. „Gutmensch“ ist kein Schimpfwort, und Kabarett kann vielleicht doch ein bisschen die Welt verändern! Am 9. März 2018 kommt Sieber mit demselben Programm ins Siegener Kulturhaus Lÿz. Wo’s Karten gibt, weiß bestimmt Siri. Für unsere lieben Old-School-Zeitungsleser: unter anderem an der SZ-Konzertkasse.

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